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2.1.2026

 

 

 

Reflexe, die vor dem Ertrinken schützen sollen


von Professor W.T. Josenhans


Die Besiedelung der Erde erfolgte entlang der Meeres- und Flußufer. Stürze ins Wasser blieben daher nicht aus. Das Darwinsche Prinzip des Überlebens der am besten Angepaßten hatte viele Jahrtausende Zeit diejenigen mit der Möglichkeit ihre Gene an die nächste Generation weiterzureichen zu belohnen die nicht ertranken. Generelle Vorsicht im Umgang mit Wasser und vor allem die Fähigkeit zu schwimmen brachten einen zusätzlichen Überlebensvorteil. Insbesondere einige Körperreflexe bieten einen ersten Schutz vor dem sofortigen Ertrinken.

Reflexe sind starre, automatisch ablaufende Reaktionsmuster des Körpers auf äußere Ereignisse, die den Vorteil kurzer Reaktionszeit haben und sehr zuverlässig, auch noch im Schlaf oder bei einer leichten Störung des Bewußtseins ablaufen.

Den ersten dieser Reflexe (nennen wir ihn „Gaspingreflex“ vom englischen gasping - Schnappatmung) können Sie leicht an sich beobachten, wenn Sie sich unter eine kalte Dusche oder in ein kaltes Bad begeben. Ihre Atmung, gleich ob Sie eben ein- oder ausatmeten geht abrupt in einen maximal tiefen Atemzug über und es wird Ihnen fast unmöglich auszuatmen oder zu sprechen. Noch Minuten lang fällt das Ausatmen schwerer und die Atemmittellage bleibt zur Einatemphase verschoben.

Der menschliche Körper ist einige wenige Prozente schwerer als Wasser und würde daher wie ein Stein untergehen, wenn keine oder wenig Luft in den Lungen für Auftrieb sorgen würde. Ob der Körper untergeht oder auf dem Wasser treibt hängt ab von der Menge an Luft in den Lungen. Bei einer Körperdichte von 1,05 und einem Gewicht von 75 Kg sind 3,75 L Luft in der Lunge nötig um im Süßwasser nicht unterzugehen. Schwimmbewegungen sind nötig um den Kopf aus dem Wasser zu heben.

Dieser „Gaspingreflex“ (Einatmungsreflex bei Kaltreizen auf der Haut) verhütet ein Untergehen und schafft damit die ersten Voraussetzungen für das Überleben nach einem Fall ins kalte Wasser. Weitere Reflexe kommen dazu die sich im Lauf der Jahrtausende im Kampf ums Überleben herausgebildet haben.

Sobald das Gesicht ins Wasser eintaucht, schließt ein weiterer Reflex ( der Trigeminusreflex geht vom Trigeminusnerven aus, der die sensiblen Empfindungen der Gesichtshaut weiterleitet) die Stimmritze und verhindert so sicher das Eindringen von Wasser in die Luftröhre und Lunge. Gleichzeitig wird das Gaumensegel geschlossen, so daß kein Wasser in den Rachenraum eindringen kann und der Schluckreflex sorgt dafür, daß eingedrungenes Wasser aus der Mundhöhle in den Magen gelangt. Der Herzschlag verlangsamt sich und das langsamer zirkulierende Blut steht nun vorwiegend dem Herzen und dem Hirn zur Verfügung.

Solange nur die Atmung unterbrochen ist, aber das Leben weitergeht wird Sauerstoff verbraucht und im Blut nimmt die Kohlensäurekonzentration zu. Der Drang zum Atmen hängt vor allem von der Kohlensäurekonzentration im Blut ab, aber auch von anderen Säuren - wie z.B. der Milchsäure - die abhängig von der körperlichen Anstrengung (Schwimmbewegungen) im Blut zunimmt. Auch ein Mangel an Sauerstoff erhöht den reflexartigen Drang Luft zu holen.

Trotzdem bleibt die Stimmritze durch den Trigeminusreflex weiter fest geschlossen manchmal bis zum Tod durch Ersticken. Das ist dann ein „trockenes Ertrinken“. Häufiger ist jedoch daß mit abnehmendem Sauerstoffgehalt die Hirnleistung zunehmend leidet, das Bewußtsein getrübt wird und der überwältigende Atemanreiz beim Versuch einzuatmen zu einer Öffnung der Stimmritze mit Wassereinstrom in die Luftröhre und Lungen führt. Das löst einen anderen Reflex, den bekannten Hustenreflex aus, der normalerweise die unteren Luftwege reinigt (der Niesreflex reinigt die oberen Luftwege von kleinen Fremdkörpern wie z.B. Insekten, er wird jedoch durch Wassereintritt nicht ausgelöst). Der Hustenreflex ist aber hier konterproduktiv weil er viel Luft kostet um das Wasser auszustoßen. Das passiert nun mehrmals hintereinander bis die letzte Luft verbraucht ist. Damit ist dann auch der letzte Auftrieb verloren gegangen und der Körper sinkt rasch. Der Ertrinkungstod ist nahe.

Wenn aber doch noch eine Rettung gelingt, muß zuerst das Wasser aus der Lunge entfernt werden, am besten durch Kopf tief Lagerung, danach Atemspende und die schnelle Überführung ins Krankenhaus.

Da diese beiden Reflexe - der Gaspingreflex und der Trigeminusreflex - zwar starr aber zuverlässig sind können sie in vielen Fällen helfen, ein Ertrinken zu vermeiden oder wenigstens das Absinken für eine Weile zu verzögern und so Rettung erleichtern.

Ein Vorausdenken und gezieltes Handeln ehe man sich ans oder ins Wasser begibt kann nur dringend empfohlen werden. Schwimmen lernen und überlegen „was tue ich wenn?“ sollten jeder Wasseraktivität voraus gehen. Es war das Ziel dieser Zeilen Ihnen den Sinn zweier Reflexe zu erklären, die Sie schon an sich beobachten konnten ohne ihre Bedeutung zu erkennen. Die Rettung Ertrunkener zu beschreiben war hier nicht vorgesehen. Aber vielleicht regen Sie diese Erklärungen an darüber einmal beim Versuch einzuatmen nachzudenken.

 

 

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